Die Sage von Geschichte und Untergang der Götter – eine Geschichte

Wenn die Erde im Meer versinkt,
die Welt in die Finsternis des Chaos zurückkehrt,
der Fimbulwinter die Ebenen und Meere mit Eis und Schnee überzieht und der Fenriswolf seine Ketten sprengt,
hat Ragnarök schon längst begonnen.

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Die Kinder rennen lachend über die Wiese zu dem Haus der drei alten Frauen, die man nie alleine antrifft und von denen es heißt, sie hätten früher einmal die Geschicke der Menschen und Götter gelenkt.
»Urd?«, die jüngste der Kinderschar zieht eine der drei Weiber am Gewand, »Urd, erzählt uns eine Geschichte. Erzählt uns vom Ende der alten Zeit.«
»Neugierige Bande!«, wirft eine der anderen Alten ein, vielleicht Verdandi, vielleicht Skuld. So genau konnte niemand die drei Alten auseinander halten. Aber sie meint es nicht böse, sie legt bereits das Garn beiseite, dass sie ihrer Schwester gehalten hat, während diese den angefangenen Teppich beiseite legt. Zwar könnte sie während des Erzählens weiterweben, aber die drei Alten pflegen stets zu sagen, dass man an nichts für die Zukunft arbeitet, wenn man über die Vergangenheit erzählt.
Erwartungsvoll setzen sich die Kinder auf den, sogar die kleinste sitzt ganz still und wartet gespannt darauf, dass die drei alten Weiber ihre Stimmen erheben und ihre Geschichte im Gleichklang erzählen.

»Das Ende der alten Zeit war prophezeit. Die Sage von Geschichte und Untergang der Götter sagte die Völuspá, das ersten der 16 Götterlieder voraus.« begannen die Alten zu erzählen.

»Die Völuspá handelte von der Entstehung und dem Ende der Welt, legte fest, wer starb und wer siegte und welche Rolle ein jedes Lebewesen auf den neun Welten hatte.
Wir wussten dank ihr, wer wann starb, wer als Held in die Hallen Odins einzog und wessen ungeschnittene Finger- und Zehennägel Material für das Totenschiff Naglfar bot. Die Völuspá sagte voraus, wie der Untergang der neun Welten anfing und wer sich in der finalen Schlacht gegenübersteht.
Welch Schande, dass nicht jeder die Zeichen sofort zu deuten wusste und andere versuchten ihr Schicksal bis zu letzt zu ändern.«
»Eine Schande«, seufzt eine der drei Alten leise, ausnahmsweise mal nicht synchron mit den anderen beiden.
Zu dritt fahren sie mit der Geschichte fort: »Es war ein Tag voller Trauer in der Welt der Götter, als Balder durch Lokis List von seinem Bruder Hödur ermordet wurde. Mit ihm ging der Glanz der Sonne. Großes Wehklagen ging durch die Reihen der Götter, fast unbemerkt erstarkte die Finsternis. Und o weh, liebe Kinder, Lokis Ränkespiele durchdrangen die Menschen und Midgard versank im Krieg. Die Welt der Menschen versank im Blut und die Götter konnten nicht mehr tun, als sich tatenlos zurückzuziehen.
Wer den Krieg überlebte, starb im Fimbulwinter. Drei Jahre eisige Kälte, drei Jahre kein erlösender Sommer – Menschen und Tiere verendeten zu Zehntausenden.
So starb die erste der neun Welten. Und für Ragnarök gab es kein Halten mehr. Während die anderen Welten Midgard folgten und der Weltenbau Yggdrasil von immer heftigeren Erschütterungen heimgesucht wurde, kratzte der große Fenriswolf stetig an seinen Fesseln.
So gut die Fessel Gleipnir auch ein gemacht war, im Schatten von Ragnarök löste sie sich immer mehr.
Einstweilen war der Fenriswolf aber noch gebannt. Seine Mutter, die Riesin Angrboda, fütterte derweile zwei andere Wölfe, Hati und Skoll,  auf dass sie die Sonne und den Mond einholen und verschlingen.
Ungefähr zur selben Zeit zerbaß der Drache Nidhögg die Wurzeln des Weltenbaumes und bringt Yggdrasil zu Fall. Für Heimdall, Wächter der Götter, war dies das Zeichen, die Götter für die letzte, entscheidende Schlacht zu rufen. Auch die Riesen hörten diesen Ruf und zogen den Göttern entgegen. Ragnarök – der Tag der Entscheidung war angebrochen.«

Die drei Weiber verstummen. Ihr Blick ist auf die Vergangenheit gerichtet und sie wirken abwesend. Die Kinder werden schon langsam wieder unruhig, als die drei Alten die Geschichte vom Untergang der Götter doch fortsetzen.

»So viele starben in jener Schlacht. Wir sahen den Frey, Bruder der Freya und Gott der Fruchtbarkeit und des Wachstums, wie er als erster fiel. Unbewaffnet wegen der Liebe zu einer Riesin – er gab sein Schwert seinem Diener, als dieser ihm eine Riesin als Braut brachte. Mit seinem Schwert wäre Frey unbesiegbar gewesen und der Feuerriese Surt hätte ihn nichts anhaben können.
Wir sahen die Midgardschlange, Kind des Loki und einer Riesin, so groß, dass sie die Erde umspannte und in ihr Ende beißen konnte. Ihre Bewegungen ließen die Erde nach der Schlacht im Meer versinken. Sie kämpfte gegen Thor, ewige Feindschaft hat die beiden vorher durch die Jahrhunderte begleitet. Und auch wenn der Gott des Donners erst gegen die Schlange gewann, so sank er doch kurz nach seinem Sieg leblos zu Boden. Das Gift der Midgardschlange kostete Thor und viele andere ihr Leben.
Wir sahen auch Loki, Heimdalls Nemesis, wie er auf dem Totenschiff Naglfar in die Schlacht zog und Ragnarök begrüßte. Gefolgt von einem seiner anderen Kinder, dem Fenriswolf. Der hatte seine Fesseln abgelegt und trat Odin gegenüber. Wir waren entsetzt, als der Wolf dem Allvater das Leben nahm. Wir waren angeekelt, als ein Sohn Odins seinen Vater rächte und den Fenriswolf am Kiefer packte und spaltete. Auch Hel, Herrin der Unterwelt und Tochter des Loki verpasste Ragnarök nicht. So viele sind gestorben.
Ragnrök erfasste alle Völker: die Einherjer, Odins heldenhaft Verstorbene, Walküren,  Zwerge, Elfen, die letzten Menschen, Riesen und Götter. Nahezu alle Völker wurden ausgelöscht, nur einige Götter und das Meschenpaar Lif und Lifthrasir überlebten.«

Die drei Alten sahen die Kinder an, bevor sie für heute das letzte Mal sprachen: »Am Ende glichen sich Ordnung und Chaos wieder aus und unser Allvater Fimbultyr konnte uns eine neue Welt erschaffen. Einige Kinder des Odin und des Thor überlebten, sie trafen sich in Asgard und trinken dort noch immer zusammen ihr Wein und Met. Und Balder… Balder, dessen Tod Auslöser für das Ungleichgewicht zwischen Licht und Schatten war, kehrte zusammen mit seinem Bruder aus Helheim zurück. Heute führt er unsere Götter an.«

Die Kinder sind gebannt und jedes denkt für sich über Ragnarök, den Kampf zwischen Göttern und Riesen nach. Als das jüngste Kind für eine Frage Luft holt, haben die drei alten ihnen den Rücken gekehrt. Sie entfernen sich und jede trägt trotz ihres hohen Alters eine große Karaffe in den Armen. Fasziniert beobachten die Kinder, wie die Frauen in einiger Entfernung über eines kleines Bäumchen beugen und es mit Wasser und Wissen gießen.

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(Anmerkung des Verfassers: Je nach Quelle, Interpretation und Auslegung kann sich der Ablauf von Ragnarök in Details unterscheiden.)

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4 Gedanken zu „Die Sage von Geschichte und Untergang der Götter – eine Geschichte

  1. Christina P. sagt:

    Wooooow, das liest sich ja richtig spannend und passt auch perfekt zur Blogtour. Jetzt muss ich Magnus Chase unbedingt lesen. Vielen lieben Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, solch eine tolle Geschichte zu verfassen <3
    LG Christina P.

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