Rezension »Whisper Network« von Chandler Baker

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»Whisper Network«
von Chandler Baker

HYENE Verlag, März 2020
ISBN-13: 978-3-4532-7288-0
480 Seiten
Preis: 15,99€ eBook |20,00€ Hardcover

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Klappenext

Sloane, Ardie, Grace und Rosalita leiden seit Jahren unter ihrem Vorgesetzten Ames. Zu seinem Verhalten Frauen gegenüber gab es schon immer Gerüchte. Gerüchte, die die Firmenleitung stets ignorierte oder unter den Teppich kehrte. Aber jetzt soll Ames zum Geschäftsführer befördert werden. Allerdings haben die Zeiten sich geändert, und genug ist genug. Die vier Frauen wissen: Sie müssen Ames‘ Aufstieg unbedingt verhindern. Und wenn ihre Worte wie üblich nicht gehört werden, dann müssen sie eben handeln …

Fazit

Darf ich als Frau, als Betroffene sexueller Gewalt, einen feministischen Roman über Strukturen, die #metoo ermöglichen, nicht gelungen finden? Ist das unsolidarisch? Ich weiß nicht, wie ich die Rezension formulieren soll, die Themen sind so wichtig, die Umsetzung hat mir aber gar nicht gefallen.

#metoo ist endlich in der Belletristik angekommen! Meine Erwartungen an »Whisper Network« waren hoch, meine Enttäuschung groß. Chandler Baker hat so viele wichtige Themen für die Frauenwelt in diesem Roman gepackt: Macht von Vorgesetzen und die Sexualisierung dieser, Solidarität, Mobbing, Berechnung von Frauen, die Ohnmacht gegenüber alten Strukturen und die Verharmlosung sexueller Gewalt.

Mit der Gestaltung ihrer Charaktere hat Chandler Baker das volle Potential dieser Themen aber verschenkt.

Die Charaktere.

Chandler Baker erzählt die gesammelte #metoo Geschichten anhand von vier Charakteren:
Sloane, Mutter einer Tochter, die in der Schule gemobbt wird, Abteilungsleiterin.
Ardie, alleinerziehend, Mutter eines kleinen Sohnes, Freundin und Mitarbeiterin von Sloane.
Grace, gerade Mutter geworden, ebenfalls Mitarbeiterin und Freundin von sloane.
Rosalie, Mutter eines Sohnes, reinigt die Büroräume von Sloane, Ardie und Grace. Hat eine Verbindung zu Ardie.

Ja, richtig, alles erzählende Charaktere sind Mütter. Frauen, die das Gefühl haben, dass ihre Stimmen in der Firma nichts zählen, sie ihre Kinder in der harten Geschäftswelt verschweigen müssen und ihre Kinder ihre Karrieren behindern, wären Kinderbilder bei den männlichen Kollegen bestaunt werden und dem Vater für die Verantwortung und die Doppelbelastung auf die Schulter geklopft wird.
Mit einigen Erlebnissen der Mütter konnte ich mich identifizieren, bei einigen Vorstellungsgesprächen wurde mal mehr mal weniger direkt nach meinem Kinderwunsch gefragt. Als kinderlose Frau Anfang 30 scheint mant für manche Firmen eher eine wandelnde Gebärmutter zu sein, die quasi jeden Moment schwanger wird. Kompetenz zählt da scheinbar nicht.
Dennoch hätte ich mir hier mehr Möglichkeit zur Identifizierung gewünscht – einen Charakter, der nicht Mutter ist. Zwar thematisiert Chandler Baker einige Vorurteile gegen Frauen an Abigail, Sloanes Teenagertocher, die sich dem Mobbing von Jungs stellen muss und deren Verhalten mit „Jungs machen das so“ gerechtfertigt wird, aber so ganz konnte ich mich damit dann auch nicht mehr identifizieren.

Das Arschloch.

Komplementiert werden die Figuren in »Whisper Network« von Ames. Ames ist der Vorgesetzte von Sloane, Ardie und Grace. Als der Geschäftsführer der Firma stirbt, gilt er als heißer Kandidat für die Nachfolge. Er ist geschmeichelt, bei Sloane, Grace und Ardie bricht kalter Schweiß aus. Für die Frauen, die alle eine eigene Geschichte mit Ames verbindet, steht fest, dass er nicht Geschäftsführer werden darf.
Also machen sie sich daran das zu verhindern, die Liste mit Namen von Geschäftsmännern aus Dallas, die angeblich sexuell Übergriffig geworden sein sollen. Über die Liste wird nur hinter vorgehaltener Hand geredet, niemand will die Liste erstellt haben – für Sloane ist sie das Mittel, um Ames zu bremsen. Völlig unreflektiert, was dieser Schritt bedeuten kann, setzt sie Ames Namen auf die Liste.

ACHTUNG SPOILER – Text ausklappen
Dieser Fakt stört mich wirklich sehr. Sloane denkt nicht über die Konsequenzen eines Namens auf der Liste nach. Hat Ames das verdient? Wenn man das ganze Buch liest: Holy Shit, der Dude hat ganz anderes verdient. Nur mit der Lite ist er gut dabei weggekommen. Aber ich verstehe Sloanes Eifer nicht. Sie hatte eine Affäre mit Ames und nach der Beendigung von ihr aus, war Ames ein ekliges Arschloch, aber eine Rechtfertigung für den Eifer, den sie in seine berufliche Vernichtung steckt, sehe ich da nicht.
 

Chandler Baker geht in »Whisper Network« leider viel zu wenig darauf ein, welche Konsequenzen diese Liste haben kann und spricht auch nicht deutlich genug an, dass all diese Namen und Taten auch nur reine Behauptungen sein können.
Und für mich gehört eben auch das zu #metoo – die Macht die Frauen haben, wenn sie jemanden fälschlicherweise beschuldigen.

Die Ausführung.

Chandler Baker hat einen tollen Schreibstil. Einfach, aber nicht langweilig erklärt sich auch rechtliche Aspekte, lockert die Ezählung ihrer Geschichte durch eingestreute Verhörprotokolle aus und hält die Spannungskurve durch späte Enthüllungen mit vorausgehenden Andeutungen konstant in der Mitte. Die Kapitelübergange empfand ich zum Teil wirr, es fiel mir manchmal schwer herauszufinden, mit wem ich in diesem Kapitel unterwegs bin.
Gelungen sind Chandler Baker einige Szenen, in denen ich mich erkannt habe und mich selbst ernsthaft gefragt habe: Warum mache ich das? Warum ist es zum Beispiel so unangenehm mit einem Tampon auf die Toilette zu gehen, obwohl der weibliche Zyklus etwas ganz Natürliches ist?

Ein „geistreicher Thriller“ wie auf dem Cover geschrieben wird, sehe ich in »Whisper Network« nicht. Der Thriller kommt hier erst im letzten Viertel raus, davor ist es eher ein „Ich wäre gerne ein Frauen Empowerment Roman“, der mir zu viel ist. Zu viel kommt zusammen, immer setzt eine der Frauen noch einen drauf, ein Kommentar ist bissiger als das andere.
Leider wirken drei der vier Protagonistinnen oft eher wie verbitterte Stereotypen, die nicht den Feminismus vertreten, um ihn zu vertreten, sondern die ihre Abneigung gegen Männer(macht) hinter Feminismus verstecken.
Erst in Epilog und Danksagung kommt die Botschaft heraus, die ich gerne au jeder der 480 Seiten gelesen hätte.

Das Schlimme ist, das so zu schreiben, fühlt sich nach Bagatellisieren an. Und das soll es doch gar nicht sein. Aber ich hätte mir einfach so viel anderes hier gewünscht, zum Beispiel weniger Ereignisse und mehr Auseinandersetzung mit den einzelnen Themen.

Liebe Leser*innen – Nein heißt nein! Bitte macht euch Sexismuss jeglicher Art in eurem Alltag bewusst und sucht euch Hilfe/Unterstützung, wenn ihr (sexuelle) Gewalt – ob verbal oder nonverbal erlebt oder bietet Hilfe und Unterstützung an, wenn ihr (sexuelle) Gewalt beobachtet.

Bewertung

2 von 5 Bücher
2 von 5

Autorin

Chandler Baker ist studierte Juristin und arbeitete bei einer Sportfirma in Dallas. Sie arbeitet mittlerweile als Familienanwälting und lebt mit ihrer Familie in Austin, Texas.
Ihr Karriere als Schriftstellerin startete sie als Ghroswrtierin von Büchern für Jugendliche und junge Erwachsene. Heute veröffentlicht die Autorin ihre Werke unter ihrem eigenen Namen.

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Cover: HEYNE Verlag

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2 Gedanken zu „Rezension »Whisper Network« von Chandler Baker

  1. karin sagt:

    Hallo Jasmin,

    hm, ehrlich ……schön wenn bei den Meinungsäußerungen auch etwas in deutscher Sprache dabei gewesen wäre…..

    Denn das Thema ist immer noch sehr wichtig gerade auch in Corona-Zeiten wo man mehr zu Hause ist möglicherweise als Frau mag oder lieb ist…

    LG..bleib gesund..Karin..

    • buecherleser sagt:

      Hi Karin,

      da hast du Recht. Leider spinnt Goodreads da etwas und zieht sich nur die englischen Meinungen. :/

      Liebe Grüße & bleibt gesund,
      Jasmin

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